
Wenn der Influencer eine Fiktion ist
Ein Theaterprojekt im Aargau versucht, Schüler mit einer Dosis Täuschung gegen die digitale Seuche der Desinformation zu impfen.

Man stelle sich ein typisches Klassenzimmer in Suhr, Kanton Aargau, vor. Jugendliche, wohl auf einen weiteren wohlmeinenden, aber vorhersehbaren Vortrag eingestellt, hören einer Social-Media-Influencerin zu, die die Mechanismen der Aufmerksamkeitsgenerierung erklärt. Eine Szene, die sich in unzähligen Schulen abspielt, die versuchen, mit der digitalen Welt ihrer Schüler zurechtzukommen. Dann wird das Drehbuch gewaltsam zerrissen. Ein Mann betritt den Raum, ein Streit bricht aus, und die sorgfältig konstruierte Präsentation bricht in einen rohen, persönlichen Konflikt zusammen.
Die Schüler, im Kreuzfeuer gefangen, wären für ihre Verwirrung zu entschuldigen. Aber die Verwirrung ist genau der Punkt. Die Influencerin ist eine Schauspielerin, der Eindringling ihr Kollege, und die gesamte chaotische Episode ist ein Theaterstück. Diese Intervention im Klassenzimmer ist das Werk des Theater Marie und der Bühne Aarau, zwei lokalen Kulturinstitutionen, die entschieden haben, dass der beste Weg, kritisches Denken zu lehren, nicht durch eine PowerPoint-Präsentation, sondern durch eine Live-Demonstration der Täuschung ist.
Das Ziel des Projekts ist es, junge Menschen für eine Welt zu wappnen, in der die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fiktion zu einer täglichen und immer schwierigeren Aufgabe geworden ist. Die Erfahrungen der Schüler bestätigen die Dringlichkeit der Mission. Eine 14-Jährige gibt zu, von einem Video getäuscht worden zu sein, und die Fälschung erst nach aktiver Überprüfung erkannt zu haben. Ein anderer bemerkt mit besorgniserregendem Pragmatismus, dass für viele Content Creator Fake News einfach bessere Ergebnisse erzielen – mehr Likes, mehr Aufrufe, mehr Engagement. Die Wahrheit ist oft weniger unterhaltsam.
Es geht nicht mehr nur um grob bearbeitete Bilder. Die Schüler sprechen von ausgeklügelten, KI-generierten Videos, die kaum noch von der Realität zu unterscheiden sind. Dieser technologische Fortschritt erschwert die Herausforderung und macht den passiven Medienkonsum zu einer hochriskanten Aktivität. Ein junger Motorsport-Enthusiast stellt fest, wie vermeintliche Expertenkanäle voller falscher Berichte sind, aber seine eigentliche Sorge ist tiefer: ein wachsendes Gefühl, dass viele Menschen sich einfach nicht darum kümmern, ob die Informationen, die sie konsumieren, echt sind oder nicht.
Diese schleichende Gleichgültigkeit hebt das Problem von einer einfachen Frage der Medienkompetenz zu einem gesellschaftlichen Anliegen. Die Jugendorganisation Pro Juventute warnt davor, dass junge Menschen, wenn sie die Fähigkeit verlieren, richtig von falsch zu unterscheiden, nicht nur das Vertrauen in die Medien, sondern in die Gesellschaft selbst verlieren könnten. Die Erosion einer gemeinsamen Realität ist schließlich eine Erosion des Vertrauens, das eine funktionierende Demokratie untermauert.
Dass eine kleine Theatergruppe sich gezwungen sieht, mit einem solchen Projekt in Klassenzimmer zu treten, ist sowohl lobenswert als auch leicht beunruhigend. Es deutet darauf hin, dass traditionelle Bildungsstrukturen Schwierigkeiten haben, mit der Geschwindigkeit, mit der sich Desinformation verbreitet, Schritt zu halten. Die Initiative ist ein kreativer, praxisnaher Versuch, ein kognitives Immunsystem in der nächsten Generation aufzubauen. Man kann nur hoffen, dass eine einzige, gut gespielte Lüge im Klassenzimmer sie auf die Millionen vorbereiten kann, denen sie außerhalb begegnen werden.
Geschrieben von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com
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