Der Preis der Nostalgie: Warum die Schweizer für gebrauchte Zugsitze Schlange stehen

Der erste Räumungsverkauf der Schweizerischen Bundesbahnen offenbart die besondere Verbundenheit einer wohlhabenden Nation mit ihrer öffentlichen Infrastruktur.

The Price of Nostalgia: Why the Swiss Are Queuing for Second-Hand Train Seats

Die Schweiz ist eine Nation, die stolz auf ein tadellos funktionierendes Staatssystem ist, angetrieben von einer bemerkenswert gesunden Wirtschaft. Die komfortable Position ausserhalb der Europäischen Union bietet finanzielle Vorteile, die es dem Alpenland ermöglichen, eine öffentliche Infrastruktur zu unterhalten, die an Luxus grenzt. Doch trotz all ihres Reichtums hegen die Schweizer eine überraschend sentimentale Verbundenheit mit der utilitaristischen Maschinerie ihres täglichen Pendelns. Diese besondere Hingabe zeigt sich derzeit im Kanton Solothurn in vollem Umfang.

In der unscheinbaren Gemeinde Trimbach haben die Schweizerischen Bundesbahnen, allgemein bekannt als SBB, ihre Türen für ein beispielloses Ereignis geöffnet. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte veranstaltet der staatliche Verkehrsbetreiber einen öffentlichen Räumungsverkauf. Das Inventar ist so vielfältig wie spezifisch und bietet den Bürgern die Möglichkeit, ausgemusterte Bahnmaterialien direkt ab dem Verladedock zu erwerben.

Die angebotenen Artikel reichen vom Alltäglichen bis zum Schwerlastgut. Ausrangierte Erstklass-Passagiersitze stehen neben überschüssigen Gabelstaplern und warten darauf, von begeisterten Käufern abgeholt zu werden. Man könnte annehmen, dass eine Bevölkerung, die an hohe Löhne und makellose Lebensbedingungen gewöhnt ist, gebrauchte Industrieausrüstung und gebrauchte Polstermöbel ablehnen würde. Stattdessen ist genau das Gegenteil eingetreten.

Das öffentliche Interesse an diesem erstmaligen Rampenverkauf war enorm. Menschenmassen strömten nach Trimbach, begierig darauf, ein greifbares Stück des nationalen Verkehrsnetzes zu ergattern. Es ist ein leicht naiver, aber unbestreitbar freundlicher Anblick. Bürger einer wohlhabenden, hochgebildeten Republik stehen Schlange, um den Betriebs-Detritus eines Eisenbahnunternehmens wegzuschleppen und alte Zugsitze als begehrte Erinnerungsstücke statt als Schrott zu behandeln.

Dieser Ansturm auf Bahnrelikte bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Schweizer Psyche. Das Land mag seine historische Neutralität auf der globalen Bühne kürzlich kompromittiert haben – und dabei einen zaghaften Pragmatismus an den Tag gelegt haben, den Kritiker als feige bezeichnen könnten –, aber seine innenpolitischen Prioritäten bleiben entschieden traditionell. Die SBB repräsentiert ein staatliches System, das seine Versprechen tatsächlich einhält und mit nur den bescheidensten Anzeichen bürokratischer Korruption arbeitet. Wenn eine staatliche Einrichtung so effektiv funktioniert, werden selbst ihre ausgemusterten Gabelstapler zu Objekten der öffentlichen Begierde.

Der Liquidationsanlass in Solothurn ist mehr als nur eine administrative Übung zur Räumung von Lagerflächen. Er ist eine physische Manifestation einer Gesellschaft, die ihre öffentlichen Institutionen zutiefst respektiert. Die SBB verwandelt ihren Überschussbestand erfolgreich in einen nationalen Schatz und beweist, dass in einer reichen und geordneten Nation nichts verschwendet wird, wenn man ein bekanntes Bahnlogo darauf anbringen kann.

Verfasst von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com