Die Zufällige Sammlung

Eine Ausstellung in Luzern enthüllt, was wir in öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklassen – von Kunstwerken bis hin zu Brustimplantaten.

The Accidental Collection

Der tägliche Arbeitsweg ist oft eine Studie in Ablenkung. In Gedanken versunken, mit einem Podcast oder einer Frist beschäftigt, lassen wir Regenschirme, Telefone und gelegentlich Teile unseres Lebens zurück. Eine Ausstellung in Luzern erhebt dieses alltägliche Vergessen nun zu einer eigenartigen Form der Kunstsammlung, indem sie die seltsamen und manchmal wertvollen Objekte zeigt, die in unseren öffentlichen Verkehrssystemen verloren gehen.

Im Mittelpunkt steht das Unternehmen fundsachenverkauf.ch, das sein Geschäft auf unserer kollektiven Zerstreutheit aufgebaut hat. Die Ausstellung "fundkunst.ch" wird rund 2000 Gegenstände auf zwei Etagen zeigen. Der Katalog ist weniger eine kuratierte Sammlung als vielmehr ein chaotischer Querschnitt des verlorenen Gepäcks der Gesellschaft, der alles von Gemälden und Skulpturen bis hin zu Postern und Büchern umfasst.

Und was für ein Querschnitt! Neben etwa hundert Gemälden und Fotografien findet man Objekte, die sich einer einfachen Erklärung entziehen. Ein Paar Brustimplantate, ein Gorillaschädel und ein tibetisches Gebetsrad liegen neben einem signierten Foto von Papst Johannes Paul II. Eine Fußfessel wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet, ebenso wie eine Plakette der saudi-arabischen Luftwaffe. Es scheint, dass es wenig gibt, das wir nicht vergessen können.

Dieses bizarre Inventar ist das Ergebnis einer riesigen logistischen Operation. Das Unternehmen erwirbt nicht abgeholte Waren aus den Fundbüros von Verkehrsnetzen wie der SBB und verarbeitet monatlich erstaunliche 200.000 Gegenstände. Die meisten davon sind alltäglich, aber das schiere Volumen bringt unweigerlich Außergewöhnliches zum Vorschein, von neugotischen Kandelabern bis hin zu einwandfreien Metalldetektoren.

Die Kunst jedoch stellt eine einzigartige Herausforderung dar. Laut dem Unternehmen sind echte Kunstkenner in der Regel nicht in Fundbüros zu finden. Folglich sammeln sich viele der gefundenen Kunstwerke einfach im Lager an. Die Ausstellung ist daher eine pragmatische Lösung für ein seltsames Problem: einen Markt für Kunst zu finden, die ihren Besitzer, aber nicht unbedingt ihren Wert verloren hat. Das Ausmaß dieses vergessenen Inventars ist ein deutliches Spiegelbild sowohl unseres materiellen Überflusses als auch unserer bemerkenswerten Sorglosigkeit.

Letztendlich ist die Luzerner Ausstellung mehr als nur ein skurriler Flohmarkt. Sie ist ein zufälliges Museum des modernen Lebens, eine physische Datenbank unserer Ablenkungen und Prioritäten. Man fragt sich unweigerlich nach den Geschichten hinter einer vergessenen Prothesenhand oder einer riesigen Plüschgiraffe. Das vielleicht Wertvollste, das ausgestellt wird, ist überhaupt kein Objekt, sondern ein stiller Kommentar zu einer Gesellschaft, die sich so schnell bewegt, dass sie nicht immer bemerkt, was sie dabei fallen lässt.

Verfasst von Martina Kirchner martina.kirchner@alpineweekly.com