
Risse in den Hochalpen
Während Gletscherkatastrophen den Himalaya heimsuchen, sehen sich Europas Bergstaaten mit den Grenzen des Hochrisikomanagements konfrontiert.

Als Anfang dieser Woche eine Flut aus Schlamm, Wasser und Gestein fast 170 Kilometer tibetisches und nepalesisches Gebiet verwüstete und Hunderte Tote forderte, wurde die schiere Gewalt der Natur offengelegt. In den komfortablen Tälern der europäischen Alpen betrachten Berggemeinden solche Himalaya-Katastrophen meist als ferne Tragödien des globalen Südens. Doch hinter den idyllischen Skigebieten und gepflegten Wanderwegen Westeuropas leiden die hohen Gipfel unter einem identischen, wenn auch etwas kleineren Verfall.
Glaziologen wie Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut weisen darauf hin, dass Europa zu den sich am schnellsten erwärmenden Kontinenten des Planeten gehört. Zwischen 2.500 und 3.000 Metern über dem Meeresspiegel in Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz taut der Permafrost, der einst diese Granitmassive zusammenhielt, stetig auf. Wenn sich bei intensiven Hitzewellen oder starken Regenfällen Wasser in Taschen unter gefrorenen Gletschermündungen sammelt, baut sich hydraulischer Druck auf, bis die gesamte Eismasse augenblicklich nachgibt.
Diesen Mechanismus lernten die Italiener 2022 auf brutale Weise kennen, als ein riesiger Teil des Marmolada-Gletschers in den Dolomiten abbrach und elf Bergsteiger zerquetschte. In der Schweiz, wo wohlhabende Alpenkommunen ordentliche bürokratische Lösungen bevorzugen, ist der Gletscherrückgang eine unbestreitbare Realität. Rund 1.000 Gletscher sind seit 1850 aus der Schweizer Landschaft verschwunden, was einen Eisverlust von etwa 1.000 Quadratkilometern darstellt. Als ein Fels- und Eisrutsch im Mai 2025 das Schweizer Dorf Blatten traf, rettete eine Evakuierung die meisten Bewohner, obwohl ein 64-jähriger Mann sein Leben verlor.
Eisen schätzt, dass die jüngste nepalesische Lawine etwa zehn- bis zwanzigmal größer war als der Blatten-Abbruch. Dennoch ist eine geringere Größe ein schwacher Trost, wenn Eismassen direkt über bewohnten Tälern und touristischer Infrastruktur hängen. In der Nähe der Schweizer Gemeinde Randa erlitt der Weisshorn-Ostgletscher – der aufgrund unerbittlicher unterirdischer Bewegungen jahrelang überwacht wurde – innerhalb einer Woche drei kleinere Abbrüche. Gemeindepräsident Frederic Imboden schloss umgehend lokale Rad- und Wanderwege, da mehrere hunderttausend Kubikmeter Eis abzubrechen drohen. Während lokale Beamte betonen, dass keine unmittelbare Gefahr für die Bewohner besteht, ist die Schließung von Wegen eine minimale Reaktion auf einen instabilen Berg.
Skigebiete greifen gelegentlich zu energieintensiven, kurzlebigen mechanischen Schutzmaßnahmen, um bestimmte Pisten zu erhalten, doch dies sind lediglich vorübergehende Eingriffe an einer bröckelnden Fassade. Eisen weist darauf hin, dass ein echter Gletscherschutz niedrigere globale Durchschnittstemperaturen erfordert, die es den Eismassen ermöglichen, sich im Laufe der Zeit natürlich anzupassen und wieder aufzubauen. Bis dahin werden Hochgebirgsregionen, während der Permafrost in Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz taut, weiter abrutschen, sodass die Bergbehörden den langsamen Verfall ihrer geschätzten Landschaften überwachen müssen.
Verfasst von Christiane Hofreiter
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