
Der Schweizer Ansatz bei einem zersplitterten Berg: Messen, dann befestigen
Über ein Jahr nach einem massiven Felssturz in Blatten setzen Ingenieure und Akademiker ein Arsenal an Sensoren ein, um ein Katastrophengebiet zu quantifizieren.

Die Schweizer Alpen demonstrieren gelegentlich, wer das Sagen hat. Wenn ein Berg zerbricht, wie es vor über einem Jahr im Lötschentaler Dorf Blatten geschah, ist die unmittelbare menschliche Reaktion Panik. Die darauf folgende Schweizer Reaktion ist natürlich, High-End-Vermessungsausrüstung einzusetzen und die Katastrophe in ein streng überwachtes Ingenieurprojekt zu verwandeln.
Heute sind die Ruinen von Blatten unter einem massiven Schuttkegel aus Fels und Eis begraben. Statt den Ort den Elementen zu überlassen, hat ein gut finanziertes System aus Akademikern und Privatunternehmen das Katastrophengebiet in ein Freiluftlabor verwandelt. Von einem komfortablen Büro der Kartierungsfirma Terradata in Zürich überwacht der Vermessungsingenieur Mario Studer die Zerstörung virtuell. Eine autonome Drohne, die in einer Kiste am Rande des Felssturzgebiets untergebracht ist, startet alle vierzehn Tage, um den Schutt zu fotografieren. Während diese Flüge unmittelbar nach dem Ereignis täglich stattfanden, liefern sie nun einen stetigen, vierzehntäglichen Datenstrom, der zur Erstellung präziser dreidimensionaler Modelle des sich verlagernden Terrains verwendet wird.
Das schiere Ausmaß des Schutts erfordert mehr als nur Luftaufnahmen. Der Erdhügel und die Steine ragen bis zu 35 Meter über den Talboden. Um die interne Mechanik dieser Masse zu verstehen, hat Studers Team bis zu 25 Meter tiefe Löcher in den Kegel gebohrt und dort hochsensible Temperatursensoren eingesetzt.
Die resultierenden Daten offenbaren ein langsames, verborgenes Tauen. Überreste des kollabierten Birchgletschers sind im Schutt eingeschlossen. Unter einer dicken, isolierenden Gesteinsschicht bleibt das vergrabene Eis bis zu 15 Meter dick. In Gebieten, in denen die schützende Schuttschicht dünner ist und nur zwei bis drei Meter misst, ist das Eis bereits von sechs auf drei Meter geschrumpft. Während der gefrorene Kern schmilzt und nur Sand und Kies zurücklässt, sackt und setzt sich die gesamte Struktur ungleichmäßig ab.
Auch der akademische Sektor ist in diese geologische Autopsie involviert. Gleb Kabakovitch und Andreas Hüni vom Geographischen Institut der Universität Zürich kartieren die Oberflächenzusammensetzung mithilfe luftgestützter Spektrometer. Die Navigation durch das enge Lötschental erfordert präzise Flugrouten, die es den Forschern ermöglichen, aus der Luft feinen Sand von massiven Felsbrocken zu unterscheiden. Sand wird schnell weggespült, und Gebiete mit hohem Sandanteil setzen sich viel schneller ab als solche, die von festem Gestein dominiert werden. Kabakovitch merkt an, dass solche detaillierten Erkenntnisse entscheidend für die Vorhersage der zukünftigen Stabilität des Geländes sind.
All diese akribische Beobachtung dient einem hochpragmatischen, ausgesprochen schweizerischen Zweck: dem Wiederaufbau. Die riesigen Mengen gesammelter Daten werden als essenziell für den Wiederaufbau von Blatten und den Bau einer neuen Kantonsstrasse direkt über oder um das volatile Gelände herum erachtet. Es liegt eine gewisse Naivität in der Annahme, dass ein Berg, der gerade seine zerstörerische Kapazität gezeigt hat, durch ausreichende Datensammlung sicher gezähmt werden kann. Hüni deutet an, dass dieser streng überwachte Schutthaufen als Referenzpunkt für zukünftige Naturkatastrophen dienen wird und die Einheimischen zwingt, zu lernen, wie man mit plötzlichen geologischen Verschiebungen koexistiert. Getreu ihrer Form zieht es das gut geölte Schweizer Staatssystem vor, seine Katastrophen mit präziser Geometrie und teuren Sensoren zu bewältigen und einen zersplitterten Berg nicht als dauerhafte Warnung, sondern als vorübergehendes Infrastrukturhindernis zu betrachten, das darauf wartet, gelöst zu werden.
Geschrieben von Sandy van Dongen sandy.vandongen@alpineweekly.com
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