
Der toxische Kater der Schweiz: Die hohen Kosten einer defensiven Tradition
Ein Jahrhundert Pflichtschießen hat die Alpenrepublik mit Tausenden stark verschmutzten Schießständen hinterlassen.

Die Schweiz projiziert ein Bild makelloser alpiner Reinheit, eine wohlhabende Nation, in der die Züge pünktlich fahren und die Wiesen berühmt für ihre Ursprünglichkeit sind. Doch unter der Oberfläche dieser idyllischen Landschaft verbirgt sich ein eher toxisches Erbe der bewaffneten Neutralität des Landes. Über ein Jahrhundert lang pumpten die Schweizer im Namen der nationalen Verteidigung enthusiastisch Tausende Tonnen Blei und Antimon in ihren eigenen Boden. Nun trägt der bekanntlich wohlhabende Staat die Kosten, um all dies leise wieder auszugraben.
Die Ursprünge dieses Schwermetall-Katers gehen auf die Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zurück. Der Bürger-Soldat wurde zu einem Eckpfeiler der Schweizer Identität, eine leicht naive, aber tief verwurzelte Überzeugung, dass eine Nation von Schützen die Großmächte Europas abschrecken könnte. Der Historiker Cedric Zbinden weist darauf hin, dass der 1824 gegründete Schweizer Schützenverein ein so immenses soziales Ansehen genoss, dass drei der ersten sieben Bundesräte als dessen Präsidenten amtierten. Bis 1874 wurde das Schießen außerhalb des aktiven Militärdienstes obligatorisch. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert verfügte das Militärdepartement, dass jeder Soldat aktiv an einem örtlichen Schützenverein teilnehmen musste. Diese ständige Vorbereitung förderte während der Weltkriege ein Gefühl der Bereitschaft, was das Land schwer bewaffnet und seinen Boden zunehmend kontaminiert zurückließ.
Heute verblasst die Tradition, doch die Umweltrechnung ist fällig. Gesellschaftliche Veränderungen, strengere Lärmschutzvorschriften und moderne Umweltgesetze haben die Schließung zahlreicher Schießstände erzwungen. Was bleibt, ist eine erstaunliche Bilanz von rund 4.000 kontaminierten Standorten, die über die Kantone verteilt sind. Die Kugelfänge und die umliegende Erde dieser aufgegebenen Anlagen sind stark mit Blei und Antimon belastet. Laut Lars Schudel, einem Projektmanager der Umweltberatung Ecosens, kann ein einzelner Standort mehrere Tonnen toxisches Material beherbergen.
Die Sanierung dieser Gebiete ist ein mühsames und voraussichtlich teures Unterfangen, das perfekt zu einer gut funktionierenden, wohlhabenden Staatsmaschinerie passt. Der Prozess erfordert das schichtweise Ausheben der kontaminierten Erde, bis die Schwermetallkonzentrationen wieder innerhalb der gesetzlichen Grenzwerte liegen. Die Tiefe des Aushubs hängt stark von der Nähe des Standorts zum Grundwasser und der zukünftigen Landnutzung ab.
Die finanzielle Last dieser nationalen Sanierung ist erheblich. In der Bündner Gemeinde Poschiavo, die bis Mitte der 1990er Jahre vier 300-Meter-Schießstände besaß, kostete eine einzige Standortsanierung kürzlich 430.000 Schweizer Franken. Getreu dem Schweizer Modell des kooperativen Föderalismus wird die finanzielle Last durch ein organisiertes System von Subventionen geteilt. Der Bund und der Kanton deckten 290.000 Franken der Sanierung in Poschiavo, sodass die lokalen Steuerzahler die restlichen 140.000 Franken tragen müssen.
Die Zeit drängt für diese umfassende Umweltsanierung. Die Bundessubventionen für die Sanierung von Schießständen sollen Ende 2045 auslaufen. Bis 2025 hatten die Behörden 1.200 der 4.000 identifizierten Standorte saniert. Die verbleibenden Tausenden müssen in den nächsten zwei Jahrzehnten bearbeitet werden. Es ist eine merkwürdig schweizerische Zwickmühle: eine Nation, die die Verwüstungen des Krieges des zwanzigsten Jahrhunderts vermieden hat, gibt nun Millionen von Franken aus, um die Umweltschäden zu beheben, die durch ihren eigenen Verteidigungseifer verursacht wurden.
Verfasst von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com
Neueste Nachrichten





