Die Illusion der vollständigen Prävention

Die Schweiz setzt auf administrative Wachsamkeit, um Gewalt abzufangen, doch die menschliche Natur hält sich selten an bürokratische Protokolle.

The Illusion of Total Prevention

Überlassen wir es dem Schweizer Staat, menschliche Bosheit durch Bürokratie aus der Welt zu schaffen. In einem Land, das sich auf reibungslose Verwaltung und stille Ordnung stolz ist, ist die Reaktion auf katastrophale Gewalt erwartbar prozedural: hier kommt das Kantonale Bedrohungsmanagement, bekannt als KBM. Es ist ein System, das in der Grauzone direkt unterhalb der Strafverfolgung und knapp über der psychiatrischen Versorgung operieren soll, um eine Lücke zu füllen, die die traditionelle Strafverfolgung ohne formelle Anklagen nicht schließen kann.

Die Mechanik stützt sich stark auf die Augen der institutionellen Front. Personal in Arbeitsämtern, Krankenhäusern und Schulen wird geschult, um das zu bemerken, was Experten als Leaking bezeichnen – die subtilen oder offensichtlichen Verhaltensänderungen und Drohungen, die einem Gewaltakt vorausgehen. Wenn diese Signale auftreten, werden Informationen an spezialisierte kantonale Einheiten weitergeleitet. Ziel ist es, direkt bei der Person zu intervenieren, oft ohne dass ein Streifenwagen vorfährt oder eine Strafanzeige erstattet wird.

Auf einer jüngsten Fachkonferenz in Sempach betonten Befürworter des Systems, dass das Bewusstsein in verschiedenen staatlichen Stellen zunehme. Die Risikobewertung basiert auf der Kategorisierung von Personen in drei Hauptgruppen: klassische Gefährder, die Dritte bedrohen, Personen, die wegen Terrorismus im Rahmen föderaler Polizeimaßnahmen registriert sind, und solche, die bereits formellen Strafverfahren unterliegen. Während frühere Verurteilungen, Drogenmissbrauch und Zugang zu Schusswaffen Standard-Risikofaktoren sind, weisen forensische Experten auf spezifische Muster wie Stalking als wesentlich aussagekräftigere Indikatoren hin.

Doch das System arbeitet unter heiklen Einschränkungen. Die forensische Psychologin May Beyli betont, dass behördliche Maßnahmen streng fallbezogen bleiben und dass keine geheimen Register oder Schattenakten existieren. Der forensische Psychiater Marc Graf merkt an, dass Datenschutzgesetze die Polizeiarbeit in der Praxis selten behindern, obwohl das gesamte Vorhaben auf dem schmalen Grat zwischen öffentlicher Sicherheit und individuellen bürgerlichen Freiheiten balanciert.

Der grundlegende Mangel an solchem administrativem Optimismus wurde jedoch kürzlich im Jura aufgedeckt. Der Verdächtige hinter dem schweren Gewaltakt in Aarau lebte ein ruhiges, isoliertes Dasein im Dorf Montsevelier, völlig abseits des offiziellen Radars. Während Experten wie Graf darauf hinweisen, dass ein Täter, der den Behörden völlig unbekannt bleibt, eine absolute Ausnahme ist, verdeutlicht dies die ultimative Anfälligkeit von Frühwarnsystemen. Wenn das institutionelle Sicherheitsnetz einen 'Geist' nicht fangen kann, greifen Experten darauf zurück, die Zivilgesellschaft als Ganzes aufzufordern, verdächtige Nachbarn zu melden – eine Aufforderung, die die Verantwortung stillschweigend von staatlichen Mechanismen zurück auf eine gefügige Bürgerschaft verlagert.

Verfasst von Thomas Nussbaumer

thomas.nussbaumer@alpineweekly.com