Der Preis der ökologischen Perfektion am Bielersee

Ein rein schweizerischer Kompromiss zwischen Freizeit und Natur bricht zusammen, als Umweltschützer den Gerichtssaal den sofortigen Umweltgewinnen vorziehen.

The Price of Ecological Perfection at Lake Biel

Das Südufer des Bielersees ist ein perfektes Mikrokosmos des komfortablen Schweizer Lebens. Bürger einer wohlhabenden, hochgebildeten Nation strömen ans Wasser, um zu wandern, auf zwei nationalen Routen Rad zu fahren und Würste zu grillen, und geniessen dabei selig ihre akribisch gepflegte Landschaft. Doch diese idyllische Freizeitszene ist zum Schlachtfeld eines eigenartig modernen Konflikts zwischen menschlicher Erholung und Umwelt-Absolutismus geworden.

Das Gebiet ist nicht nur ein Spielplatz; es hat nationale Bedeutung für den Vogelschutz. Das Aaredelta Hagneck geniesst seit 1954 Schutzstatus, gefolgt vom Seestrand Lüscherz im Jahr 1972. Jahrzehnte steigenden Freizeitdrucks zwangen schliesslich den Kanton Bern zum Handeln. Auf typisch schweizerische Art verhandelten die Behörden jahrelang mit Anwohnern und Umweltgruppen, um einen harmonischen Konsens zu schmieden. Bis Ende 2025 präsentierte der Kanton seinen grossen Kompromiss: die Zusammenlegung der Zonen zu einem einheitlichen Naturschutzgebiet, genannt «Aaredelta am Bielersee», komplett mit räumlichen und zeitlichen Beschränkungen fürs Schwimmen und einem strikten Gebot, auf markierten Wegen zu bleiben.

Der Konsens zerbrach fast sofort. BirdLife Schweiz, obwohl an den langwierigen Verhandlungen beteiligt, befand den Kompromiss als unzureichend. Die Organisation hat eine formelle Beschwerde beim Berner Verwaltungsgericht eingereicht. BirdLife-Direktor Raffael Ayé argumentiert, dass die Verordnung bestehende Gesetzgebung eklatant verletzt. Die Hauptbeschwerde konzentriert sich auf ein ausgewiesenes Badegebiet direkt im Hagneck-Delta, zusammen mit der Behauptung, dass die sommerlichen Schutzzonen für Zug- und Wasservögel wissenschaftlich unzureichend sind, um Störungen zu verhindern.

Interessanterweise teilen nicht alle Umweltvertreter diesen prozessfreudigen Appetit. Pro Natura Bern, ebenfalls Teilnehmer an den Gesprächen, räumt ein, dass der kantonale Erlass wahrscheinlich hinter strengen gesetzlichen Vorgaben zurückbleibt. Die Gruppe entschied sich jedoch gegen rechtliche Schritte. Der Präsident von Pro Natura Bern, Lorenz Heer, deutete an, dass die sofortigen Verbesserungen, die die neuen Regeln boten, die schmerzhaften Zugeständnisse des Kompromisses überwogen. Sie erkannten eine grundlegende Realität: Den Staat zu verklagen, friert lediglich den Status quo ein und verzögert jegliche greifbaren Vorteile für die lokale Tierwelt.

Nun übernimmt die Maschinerie des Berner Verwaltungsgerichts, wobei eine Entscheidung nicht vor 2027 erwartet wird. Das Ergebnis dieser Suche nach ökologischer Perfektion ist ein vollständiger Stillstand jeglicher sofortiger Umweltverbesserungen. Während die rechtlichen Mühlen langsam mahlen, bleibt die aktuelle Situation bestehen. Rotmilane werden weiterhin über dem Delta kreisen und Ruderer beim Training für Wettkämpfen und Schulkinder beim Grillieren beobachten, genau dort, wo die Naturschützer sie verzweifelt verbannen wollen. Es ist ein passend naives Ergebnis für ein Staatssystem, das annimmt, jeder Konflikt könne an einem freundlichen Runden Tisch gelöst werden, nur um sich dann gelähmt zu sehen, wenn eine einzige Interessengruppe nicht mitspielt.

Verfasst von Freya Stensrud freya.stensrud@alpineweekly.com