Basels unfreiwilliges Stadtexperiment

Ein umfassendes Gleissanierungsprojekt hat das Stadtzentrum von seinen Trams befreit, was unabsichtlich eine utopische Vision testet und gleichzeitig den lokalen Handel erstickt.

Basel's Involuntary Urban Experiment

Die Stadtplaner Basels haben den lokalen Utopisten unabsichtlich einen Wunsch erfüllt, wenn auch vielleicht nicht auf die gewünschte Weise. Zehn Wochen lang ist der zentrale Marktplatz der Stadt völlig frei von seinem üblichen Tramverkehr. Statt frei über das Kopfsteinpflaster schlendernder Fussgänger wurde der Raum Baggern und Absperrungen überlassen. Neun Tramlinien wurden umgeleitet, wodurch die Verkehrsader zwischen Barfüsserplatz und Schifflände unterbrochen ist.

Die offizielle Begründung für diese Störung ist eine notwendige Modernisierung der alternden Infrastruktur. Die Gleise müssen erneuert, die zentrale Haltestelle barrierefrei gemacht und unterirdische Rohre ersetzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Birsig, ein Fluss, direkt unter dem Stadtzentrum fliesst. Der beengte unterirdische Raum erfordert massgeschneiderte Gleisabmessungen, was den lokalen Verkehrsbetreiber, die Basler Verkehrsbetriebe, dazu zwingt, diese seltenen Komponenten zu lagern. Die Projektleitung der Verkehrsbetriebe weist darauf hin, dass die einzigartigen Untergrundbedingungen eine erhebliche technische Herausforderung darstellen. Dennoch sind die Verkehrsverantwortlichen mit der logistischen Ausführung weitgehend zufrieden und stellen fest, dass die massive Umleitung von neun Linien reibungslos funktioniert, obwohl sich der Standort im absoluten Kern ihres Netzes befindet.

Während die Verkehrsbehörden ihre logistischen Fähigkeiten loben, sieht die wirtschaftliche Realität für die lokalen Händler ganz anders aus. Städtische Infrastrukturprojekte berücksichtigen selten die sofortige finanzielle Blutung, die angrenzende Kleinunternehmen erfahren. Ein lokaler Metzger, der auf dem Markt tätig ist, berichtet von einer Halbierung seiner üblichen Umsätze. Ohne die Annehmlichkeit einer nahegelegenen Tramhaltestelle sind die Verbraucher verständlicherweise nicht bereit, schwere Einkaufstaschen zu Fuss durch die Stadt zu tragen. Ein nahegelegener Currywurst-Verkäufer beklagt den unaufhörlichen Lärm, bemerkt aber, dass die schweren Maschinen mittags gnädigerweise eine Stunde lang anhalten, damit die Gäste in relativer Ruhe essen können.

Diese zehntägige Pause dient als unfreiwilliges Labor für eine kürzlich eingereichte politische Initiative. Der Vorschlag fordert die dauerhafte Entfernung der Tramhaltestelle Marktplatz, um eine Fussgängerpromenade zu schaffen. Verkehrsfachleute und lokale Politiker beobachten die aktuelle Sperrung genau, um die Machbarkeit eines tramfreien Kerns zu beurteilen. Selbstverständlich bestreitet das städtische Bauamt jeglichen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Chaos und dem politischen Vorschlag. Sprecher bestehen darauf, dass die Arbeiten seit langem geplant seien und lediglich eine notwendige Operation am Herzen der Stadt darstellen.

Um den ästhetischen Schlag der Bauarbeiten zu mildern, errichtete die Stadt eine Schutzwand um die Baustelle und beauftragte Graffiti-Künstler mit deren Gestaltung. Es ist ein charakteristisch schweizerischer Ansatz: ein hochkomplexes, teures öffentliches Bauprojekt durchführen, die Störung des lokalen Handels bescheiden anerkennen und versuchen, den rohen Beton mit staatlich genehmigter Strassenkunst zu überdecken. Ob die lokalen Unternehmen dieses temporäre Fussgängerparadies überleben, scheint der grösseren Vision der Stadterneuerung streng sekundär zu sein.

Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com