
Wenn Atompolitik zum Kampf der beauftragten Statistiken wird
Die Schweizer Reaktordebatte wird weniger mit Prinzipien als mit Studien geführt, die es mit bewundernswerter Präzision schaffen, die Wünsche ihrer Auftraggeber zu bestätigen.

In der Schweizer Atomdebatte sind die nützlichsten Werkzeuge nicht mehr Argumente, sondern Tabellenkalkulationen. Eine aktuelle Studie, im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung erstellt, besagt, dass ein neues Kernkraftwerk bis zu 16.000 Arbeitsplätze gefährden könnte. Ihre Sorge ist nicht abstrakt: Die Stiftung sagt, dass die bedrohten Positionen hauptsächlich im Handwerk und in kleinen und mittleren Unternehmen angesiedelt sind, die sonst Aufträge in der Solarenergie und Gebäudesanierung erhalten würden.
Das gegnerische Lager hat mit einer eigenen, sorgfältig ausgearbeiteten Berechnung geantwortet. Eine von Economiesuisse bezahlte Studie kommt zum gegenteiligen Schluss und beziffert den Beschäftigungseffekt auf 2.905 neue Arbeitsplätze. Ihre Logik ist einfach genug, um auf ein Plakat zu passen: Ein Atomkraftwerk ist eine Stromfabrik, Fabriken beschäftigen Menschen, und billiger Strom hilft Unternehmen, mehr Arbeit zu schaffen. Mit anderen Worten, dieselbe Maschine kann entweder als Jobkiller oder als Motor des Wohlstands verkauft werden, je nachdem, wer die Rechnung in der Hand hält.
Das ist kein Zufall, und niemand tut so, als ob es einer wäre. Im Juni hat das Schweizer Parlament entschieden, dass in der Schweiz wieder neue Reaktoren gebaut werden dürfen, was eine Debatte neu entfachte, die nie wirklich verschwunden war. Die Entscheidung löste eine Referendumskampagne einer breiten Allianz aus SP, Grünen, Grünliberalen Partei, CVP Frauen und Umweltorganisationen aus. Die Kampagne sammelt nun die 50.000 Unterschriften, die für eine Abstimmung erforderlich sind. Der Termin steht noch nicht einmal fest, doch die Stimmung ist bereits passend aufgeheizt.
Der Politikwissenschaftler Lukas Golder sagt, dies werde zur Standardmethode in der Politik: Sowohl Befürworter als auch Gegner versuchen, ihre Position weniger ideologisch klingen zu lassen, indem sie sie in Forschung verpacken. Das ist ein cleverer Trick. Man beauftragt eine Studie, bindet eine Universität oder ein Institut daran, und plötzlich erhält eine politische Präferenz den Anschein von Neutralität. Ob die Zahlen überzeugend sind, ist weniger wichtig, als ob sie seriös aussehen.
Sowohl die Schweizerische Energie-Stiftung als auch Economiesuisse geben an, die Forschungsfrage selbst zu definieren, greifen aber nicht in das Studiendesign ein. Laut beiden Organisationen entscheiden die Universitäten oder Institute, wie die Daten erhoben und analysiert werden, und die Sponsoren haben kein Mitspracherecht beim Ergebnis. Alexander Keberle von Economiesuisse sagt, eine Institution, die eine Beeinflussung der Ergebnisse zuließe, wäre nicht seriös. Das mag stimmen. Es ist aber auch genau die Art von Satz, die Sponsoren gerne sagen, wenn sie gerade Geld für ein politisch nützliches Ergebnis ausgegeben haben.
Der tiefere Punkt ist nicht, dass die eine Seite richtig und die andere falsch liegt. Es ist vielmehr, dass die Atomfrage in der Schweiz zu einem Wettstreit um Glaubwürdigkeit ebenso wie um Energiepolitik geworden ist. Studien dienen nun als politische Waffen, und je polarisierter die Debatte wird, desto wertvoller sind diese Waffen. Für die Wähler ist es die unangenehme Aufgabe zu entscheiden, ob die Zahlen die Realität beschreiben oder lediglich die Ambitionen derer, die sie in Auftrag gegeben haben. In einem Land, das sich seiner Mäßigung rühmt, ist der Streit um die Atome zu einer ziemlich teuren Lektion in selektiver Objektivität geworden.
Geschrieben von Thorben Thiede thorben.thiede@alpineweekly.com
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