Staatsgestützte Amnesie trifft auf Künstliche Intelligenz

Pekings aggressives Streben nach technologischer Überlegenheit hat in Zeiten von Naturkatastrophen eine digitale Desinformationskrise ausgelöst, die die fatalen Mängel der eigenen Glaubwürdigkeit offenbart.

State-Sponsored Amnesia Meets Artificial Intelligence

Taifun Noul hat eine vorhersehbare Spur physischer Zerstörung hinterlassen, doch Peking kämpft derzeit mit einem sekundären, gänzlich synthetischen Sturm. In den chinesischen sozialen Medien steigen die digitalen Fluten. Nutzer werden mit hyperrealistischen Aufnahmen von fiktiven Stromausfällen, nicht existierenden Leichen, die durch Straßen treiben, und digitalen Krokodilen, die angeblich durch überflutete Flüsse streifen, bombardiert – Letzteres eine kreative Ausschmückung eines echten Vorfalls in Hengzhou, wo Schlangen aus einer Zuchtfarm entkamen.

Dieses digitale Chaos ist das Nebenprodukt einer aggressiven staatlichen Industriepolitik, die mit dem Unternehmergeist der Aufmerksamkeitsökonomie kollidiert. Im Jahr 2017 erklärte Peking die künstliche Intelligenz zum Hauptmotor des nationalen Fortschritts und investierte anschließend enorme Summen in diesen Sektor. Heute zählt das Land über 6.000 KI-Unternehmen.

Die technologische Eintrittsbarriere ist auf Null gesunken, so dass jeder mit einem Smartphone Panik in großem Maßstab erzeugen kann. Forscher der Zentralen Parteischule der Kommunistischen Partei räumen ein, dass die Aufforderung an ein KI-Tool heute ausreicht, um hochrealistische, völlig gefälschte Inhalte zu generieren. Das Motiv ist selten ideologisch, sondern meist der einfache Wunsch, Follower zu gewinnen, Engagement zu erzeugen und Traffic für den persönlichen Gewinn zu generieren.

Die Reaktion des Staates ist erwartungsgemäß autoritär. Am 23. Juli startete die Cyberspace Administration of China eine landesweite Razzia, die sich gegen gefälschte Katastrophendaten, inszenierte Szenen und Personen, die sich als Beamte ausgaben, richtete. Vertreter des Öffentlichen Sicherheitsbüros Ningbo haben öffentlich gewarnt, dass das Internet keine gesetzlose Zone ist, und kündigten spezialisierte Task Forces zur Überwachung von Kurzvideoplattformen an. Urheber müssen mit bis zu sieben Jahren Haft rechnen, wenn ihre digitalen Fiktionen schwerwiegende reale Konsequenzen haben. Derweil schlagen Juristen in Shanghai und Washington bereits vor, dass die Plattformen selbst neben den Urhebern die rechtliche Verantwortung tragen sollten.

Dennoch kämpft die Regierung im Grunde gegen eine Krise, die sie selbst geschaffen hat. Die Behörden flehen die Bürger an, sich in Notfällen auf akkreditierte Quellen zu verlassen, scheinbar blind für die Tatsache, dass die offizielle Glaubwürdigkeit völlig bankrott ist. Die chinesische Öffentlichkeit greift auf unbestätigte Gerüchte in den sozialen Medien zurück, eben weil staatliche Narrative routinemäßig manipuliert werden.

Erst vor wenigen Wochen wurden lokale Journalisten angewiesen, einen katastrophalen Dammbruch am Liulan-Damm lediglich als Öffnung zu beschreiben. Die daraus resultierende Flut tötete 26 Menschen flussabwärts. Ähnlich wurden 2021 Beamte in der Provinz Henan verhaftet, weil sie 139 Todesfälle verschwiegen hatten. Wenn der Staat die Katastrophenberichterstattung routinemäßig bereinigt, um sein Image zu schützen, entsteht unweigerlich ein Vertrauensvakuum.

Die Detektionstechnologie verliert derzeit das Rennen gegen die Generierungstechnologie, gefangen in einem endlosen Spiel des digitalen Aufholens. Akademiker plädieren für den Aufbau vertrauenswürdiger Informationsinfrastrukturen und Frühwarnsysteme zur Überprüfung von geografischen Standorten und Zeitstempeln. Technologische Lösungen können jedoch kein politisches Problem beheben. Eine Regierung kann nicht erwarten, einen boomenden generativen KI-Sektor zu fördern und gleichzeitig ein absolutes Wahrheitsmonopol von einer Bevölkerung zu fordern, die durch bittere Erfahrung gelernt hat, jeder offiziellen Meldung zu misstrauen.

Verfasst von Thorben Thiede

thorben.thiede@alpineweekly.com