Der Chronist geht: Ein Kantonsporträt zwischen Reichtum und Trägheit

Der Abschied eines erfahrenen Redakteurs bietet eine scharfe Diagnose der politischen Kultur in Schwyz, einer Region reich an Franken, aber arm an Visionen.

The Chronicler Departs: A Canton's Portrait in Wealth and Inertia

Der Abschied eines Journalisten ist selten Anlass für eine grosse Zeremonie. Doch wenn die betreffende Person fast 40 Jahre lang als Hauptchronist eines Ortes wie des Kantons Schwyz gewirkt hat, gibt ihr Weggang Anlass zum Nachdenken. Jürg Auf der Maur, der langjährige ehemalige Chefredaktor des «Bote der Urschweiz», hat sich offiziell zurückgezogen. Seine Absicht, weiterhin zu schreiben und zu forschen, vielleicht über Wirtschaftsgeschichte, zeugt von einer Karriere, die von tiefer Immersion in lokale Angelegenheiten geprägt war.

Auf der Maur, ein ausgebildeter Historiker, pflegte seinen Ruf der Unabhängigkeit durch akribische Arbeit. Er mass seine Effektivität nicht an den Freunden, die er gewann, sondern an der Anzahl der einflussreichen Personen, die er bis Ende der Woche verärgert hatte. Gerüchte aus der Dorfbeiz fanden nie ihren Weg in seine Zeitung; seine Methode war die direkte Verifizierung bei den Betroffenen. Dieser disziplinierte Ansatz war entscheidend, um einen Kanton zu verstehen, der stärker gespalten ist, als Aussenstehende vielleicht annehmen.

Schwyz ist in der Tat konservativ, wohlhabend und eine Steueroase, aber das ist ein unvollständiges Bild. Ein tief verwurzelter kultureller und historischer Graben trennt den inneren Kanton, der sich auf Luzern und Zug ausrichtet, von den äusseren Regionen, die nach Zürich blicken. Dies ist kein modernes Phänomen, sondern ein Erbe einer Zeit, als die Seebezirke untergeordnete Gebiete des politischen Zentrums in der Stadt Schwyz waren. Laut Auf der Maur besteht dieser Graben fort, wobei die Bevölkerung der beiden Hälften weitgehend einander fremd bleibt.

Diese fragmentierte Identität bildet die Kulisse für einen bedeutenden politischen Wandel. Auf der Maur erinnert sich an Berichte aus dem Kantonsparlament in den 1980er Jahren, wo die Schweizerische Volkspartei (SVP) nur drei Sitze innehatte. Jahrzehntelang regierte die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) fast unangefochten. Heute ist die SVP die dominierende Kraft und hält 38 der 100 Sitze. Dieser Wandel ist nicht ohne Folgen für die Qualität des politischen Lebens geblieben. Er stellt fest, dass der Ton im Parlament rauer geworden ist, wobei echte Debatten einem, wie er es beschreibt, permanenten Wahlkampfmodus gewichen sind, ein Markenzeichen der SVP-Strategie im ganzen Land.

Seine vielleicht schärfste Kritik gilt der politischen Vorstellungskraft des Kantons, oder dem Mangel daran. Mit Kapitalreserven von fast einer Milliarde Franken verfügt Schwyz über die Mittel für kühne Projekte. Stattdessen praktiziert es eine Art zaghaften Inkrementalismus, bei dem es bevorzugt, abzuwarten, bis andere experimentieren, bevor die billigste mögliche Lösung übernommen wird. Der Kanton, der selten bei irgendetwas die Führung übernimmt, wird jedoch ohne Zögern 30 Millionen Franken für einige hundert Meter Strassenreparaturen ausgeben. Derweil bleibt eine einfache Annehmlichkeit wie ein zentraler öffentlicher Platz oder Park eine unerfüllte Idee. Es ist ein vielsagendes Paradoxon: Eine Gesellschaft, die so erfolgreich ist, dass sie scheinbar die Fähigkeit verloren hat, sich eine bessere Zukunft vorzustellen, und sich damit begnügt, ihren eigenen Wohlstand zu verwalten.

Verfasst von Thomas Nussbaumer thomas.nussbaumer@alpineweekly.com