
Die Krise des Nachbarn nutzen: Eric Gujer tritt als NZZ-Chefredakteur zurück
Nach zwölf Jahren, in denen er deutsche politische Dysfunktion in Schweizer Abonnementeinnahmen verwandelte, übernimmt der erfahrene Journalist eine neue Rolle.

Nach zwölf Jahren an der Spitze von der Schweiz bekanntestem journalistischem Export, gibt Eric Gujer den Chefredakteursposten bei der Neuen Zürcher Zeitung ab. Der Vierundsechzigjährige wird Anfang 2027 zurücktreten und damit eine lange administrative Ära beenden, um Herausgeber der NZZ für Deutschland zu werden. Seit vier Jahrzehnten ist Gujer eine feste Größe bei der Zürcher Institution, zuvor als Auslandsredakteur. Nun verlässt er die tägliche Redaktionsleitung, um sich auf ein Nachbarland zu konzentrieren, das für die Schweizer Publikation zu einem äußerst lukrativen Markt geworden ist.
Unter Gujers Führung hat die NZZ ihre Präsenz aggressiv über die nördliche Grenze hinweg ausgebaut. Deutschland ist derzeit in ein selbstgemachtes Netz verstrickt, leidet unter desaströser Energiepolitik, hoher Inflation und einer schmerzhaft schwachen politischen Klasse. Da der deutsche öffentliche Diskurs zunehmend feindselig gegenüber abweichenden konservativ-liberalen Ansichten wird, hat die NZZ eine distanzierte Alternative geboten. Gujer erkannte, dass eine wohlhabende, etwas naive Schweiz der perfekte Ausgangspunkt war, um Deutschlands selbst zugefügte Wunden zu sezieren.
Die finanzielle Bestätigung dieser Strategie zeigt sich im jüngsten Geschäftsbericht. Im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete die NZZ-Gruppe einen Verlust von 3,4 Millionen Schweizer Franken. Dieses Defizit resultiert vollständig aus einem einmaligen Rechnungslegungseffekt, der mit dem Verkauf ihrer restlichen Beteiligung an CH Media.
Bereinigt um diese Anomalie bleibt das operative Geschäft robust. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg um 2,6 Prozent auf 5,1 Millionen Franken. Die Einnahmen aus dem Lesermarkt stiegen um sieben Prozent auf fast fünfzig Millionen Franken, angetrieben durch Premium-Abonnements und die deutsche Leserschaft. Die digitalen Werbeeinnahmen wuchsen um acht Prozent.
Einen Nachfolger zu finden, um diesen Schwung aufrechtzuerhalten, ist die unmittelbare Herausforderung für die Zürcher Mediengruppe. Eine Entscheidung wird im vierten Quartal 2026 erwartet. Das Management hat eine starke Präferenz für die Beförderung eines internen Kandidaten signalisiert, obwohl externe Optionen geprüft werden. Wer auch immer das Steuer übernimmt, wird eine Redaktion erben, die ihre Position als scharfer Beobachter des politischen Niedergangs erfolgreich monetarisiert hat.
Gujers Wechsel in die Herausgeberrolle im Februar 2027 ermöglicht es ihm, sich auf die größeren Zusammenhänge der internationalen Politik zu konzentrieren. Er wird die Verantwortung für die Stärkung der Präsenz der Zeitung in einem Land übernehmen, das rapide an wirtschaftlicher Stärke verliert. Neben diesem Mandat wird er die Veranstaltungsreihe NZZ Podium leiten und weiterhin die Fernsehsendung NZZ Standpunkte moderieren. Es ist ein passender dritter Akt für einen Zeitungsmanager, der erkannte, dass die Chronik der Krise eines Nachbarriesen ein exzellentes Geschäft für eine wohlhabende Schweizer Institution ist.
Verfasst von Andreas Hofer andreas.hofer@alpineweekly.com
Neueste Nachrichten





