
Die Hightech-Jagd: Eine Schweizer Neurose debütiert in Locarno
Lars Mulles neuer Kurzfilm erforscht den asymmetrischen Krieg zwischen reichen, gadget-besessenen Menschen und einem einsamen alpinen Raubtier.

Das Locarno Film Festival bietet eine passende Bühne für eine eigenartige Schweizer Angst: die Rückkehr der Wildnis. Lars Mulle, ein einunddreißigjähriger Filmemacher aus dem Kanton Schwyz, bringt diese ländliche Neurose mit seinem vierzehnminütigen Kurzfilm „zrugg“ auf die Leinwand. Das Werk, das am Freitagabend Premiere feiert, entkleidet die alpine Wildnis ihrer Romantik und präsentiert eine sterile, hochtechnologische Konfrontation zwischen Mensch und Tier. Es ist eine ruhige, poetische Untersuchung einer Gesellschaft, die immense Reichtum und staatliche Kapazitäten besitzt, aber durch die Anwesenheit eines einzigen Raubtiers zutiefst verunsichert bleibt.
Die Erzählung konzentriert sich auf einen örtlichen Wildhüter, der nach einem Angriff auf eine Rinderherde einen Wolf aufspüren soll. Statt eines archaischen Kampfes der Intelligenz in den Wäldern wird die Jagd als eine Übung in reiner technologischer Dominanz dargestellt. Der Protagonist setzt Wildkameras, empfindliche Mikrofone und Drohnen ein, um sein Ziel zu lokalisieren. Mulle verwebt das Rohmaterial dieser Geräte bewusst in den Film und verdeutlicht, wie sich ein einst ausgeglichener Kampf zwischen Mensch und Natur zu einer asymmetrischen Überwachungsoperation entwickelt hat. Das Raubtier hat absolut keine Chance gegen den wohlhabenden, gadget-besessenen modernen Jäger.
Dieses filmische Unterfangen ist tief in seinem lokalen Umfeld verwurzelt und wird teilweise vom Kanton Schwyz selbst finanziert – ein Beweis für einen gut funktionierenden Staatsapparat, der seine eigene kulturelle Selbstbeobachtung gerne subventioniert. Während der Produktion hat sich das Team in die Gemeinschaft integriert und sogar einen lokalen Bauern für eine improvisierte Szene auf seinem eigenen Grundstück besetzt. Der Bauer, der seine Zeilen in einem starken regionalen Dialekt vorträgt, spricht über den betreffenden Hund, als wäre es ein menschlicher Verbrecher. Dieser ungescriptete Moment fängt das unverhältnismäßige emotionale Gewicht ein, das die ländliche Bevölkerung einem Tier beimisst, das einfach seinen Instinkten folgt.
Mulle, der in der Region aufgewachsen ist, gesteht eine lebenslange Faszination für das Raubtier ein. Er erinnert sich an die lokale Aufregung, wann immer in seiner Kindheit ein Wolf gesichtet wurde, gefolgt von seiner eigenen Enttäuschung, als er erfuhr, dass das Tier zum Abschuss freigegeben worden war. Während der Regisseur anerkennt, dass die enge Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftsgemeinschaft ein gewisses Verständnis für die Notlage der Bauern förderte, bleiben seine Sympathien größtenteils beim Gejagten. Doch sein primäres filmisches Interesse liegt nicht darin, diesen ländlichen Konflikt zu schlichten, sondern zu beobachten, was dieser obsessive, Hightech-Ausrottungsversuch über die menschliche Natur offenbart.
Der von dem Zentralschweizer Filmemacher Thomas Horat produzierte Kurzfilm bietet einen Spiegel für eine Nation, die hochgebildet und wirtschaftlich robust ist, aber vielleicht etwas naiv in Bezug auf ihre Beziehung zur Natur. Die Schweizer Landschaft wird mit der Präzision eines Vorstandszimmers verwaltet, wodurch wenig Raum für unkontrollierte Variablen bleibt. Während Mulle die Reaktion des Festivalpublikums abwartet, steht sein Werk als eine leise Kritik an einer Gesellschaft, die jedes moderne Werkzeug einsetzt, um den geringsten Hauch von Wildheit zu eliminieren und so sicherzustellen, dass die Landschaft ein sicherer, vorhersehbarer und gründlich domestizierter Spielplatz bleibt.
Geschrieben von Freya Stensrud
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